4. November 2026

Erneutes Aufbrechen

Als ich im Juli 2025 von Südnorwegen die lange Fahrt in den Norden begann, regnete es. – Ich beginne die Rückfahrt von Harstad, und es regnet. Sicher, es könnte auch schneien. Aber es ist für die Verhältnisse ungewöhnlich warm, zu warm. Im vergangenen Jahr kämpfte ich mich mit den Winter-Fahrradreifen durch die ersten Schnee-Mengen. Die Berge liegen nun im Dunst. Aber das Wasser im Tjelsund schimmert immer noch bestechend grün und türkis. – Die erste kleinere Fähre ab Lødingen schaukelt nach Bognes und schließt eine Lücke in der Europastraße E6, der ultimativen Nord-Süd-Magistrale. Hin und wieder peitscht der Wind eine Wasserwoge über den Bug. – Nach der Überfahrt bessert sich die Wetterlage.

Ich habe keine Lust zu eilen. – Die Gedanken sind noch ungeordnet. Ein wenig ausgelaugt, ausgeblutet fühlt „es“ sich an, wie nach einem intensiv erlebten Konzert. – Das Naturschauspiel lädt zum Bad ein: kleine und große Wasser, tief liegende Fjorde, ein Wolkenloch, durch das die Sonne scheint, bewaldete Berge und nackte Felsrücken, die wie mit dunklem Sirup übergossen aussehen, unzählige Bäche, die über die Hänge schnüren.

Es ist halb drei, und ich fahre gegen die tief stehende Sonne. Die Farben der Wolken und des Himmels sind pastell-artig geworden. Transzendent?

Es sind nur ganz wenige Menschen unterwegs.

Was habe ich hier gemacht? Warum oder wozu war ich hier, im „hohen Norden“? Musste ich jetzt dieser „vakkeren“, tatsächlich traumhaft schönen Natur wieder den Rücken kehren? Hatte ich etwas wie eine Aufgabe zu erfüllen? – Warum?

Die mit zahllosen Gesteinsbrocken übersäten Hochflächen zum „Polarsirkelsenteret“ ziehen sich lang hin. Bei 2°C passiere ich den höchsten Punkt mit 692 Metern. Der Platz vor dem „Grenzhaus“ – im Juli des vergangenen Jahres mit vielen Touristen – ist jetzt menschenleer. – Mit einem Anflug von Wehmut lasse ich den Polarkreis hinter mir.

Ich begann, innere Verletzungen auszuheilen, solche, die schmerzen, aber nicht bluten und sich nicht selbst reinigen. Es ist noch nicht erkennbar, ob es die richtige Zeit ist, um Ort und Lebenslage zu ändern. – Wann aber sollte ich es tun, wenn nicht jetzt (?).

Die Dunkelheit nimmt mich auf. Ein einsames Rentier sucht etwas dicht am Straßenrand.

Manchmal kommen Zweifel auf: sind es Berge oder Wolken am Horizont? – Das Gespann aber fährt mühelos, es geht immer leicht bergab. Es scheint mir fast schon zu einfach. – Am Abend sehe ich in Grong den ersten städtischen Juletre (Weihnachtsbaum).

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