Die Monatsabfolge … Februar, März, März, März, Juni … – ja, sie scheint so zu stimmen: bis in die letzte Mai-Tage war es mit ganz wenigen Ausnahmen eher unwirtlich. Dann bekam die Sonne mehr Kraft. Die Schneehauben auf den umliegenden Bergen werden allmählich kleiner. Für die nächsten Wochen bin ich mit dem alten Wohnwagen, der zum guten Teil noch Innenbaustelle ist, vor die Tore der Stadt gezogen. Etwas verstreut stehen hier recht viele Camper. Meist aber sind nur zwei, drei, allenfalls mal vier Menschen auf dem weitläufigen Platz. Im Berghang sind die Schafe zwischen den Büschen und Bergbuchen nicht zu sehen, aber hin und wieder zu hören. Zur anderen Seite fällt der Blick auf einen „Storvatnet“ – so heißt hier schnell einer der größeren Seen. Dahinter erheben sich ein paar Berge im 1000-Meter-Bereich, von dieser Seite her nicht zu begehen, da es zu schroff ist. Nur von der Südseite gibt es einen Zugang.
Diese letzten Mai- und ersten Juni-Tage berühren mich stärker als sonst mit Gerüchen aus der Natur. An der Harstad-Kirche weht jetzt öfter eine Brise vom Salz-Wasser herüber. Ich fühle mich an Sommer auf Rügen oder auch an die Ankunft im Neuendorfer Hafen erinnert. Streife ich durch den unteren sonnendurchfluteten Kiefernwald, erwachen Bilder aus dem Berliner Umland, die sich mit vielen Fahrradtouren verbinden. Der feuchte Boden aber weiter oben zeichnet Erlebnisse von Wanderungen in den Bergen nach: Thüringen, Vogtland, Făgăraş, Rodna, Allgäu und – natürlich die Vogesen. Meine Wäsche trocknet in Sonne und Wind, ebenso mein Handtuch nach dem „Bad“ im Bach – sie tragen jene Spuren, wie ich sie in unzähligen Urlauben am Parsteiner See verinnerlicht habe. Jetzt blüht hier sehr kraftvoll der Löwenzahn und überzieht die Wiesen gelb, gelb, gelb – so wie wir es viele Male erlebt haben, wenn wir im Eichsfeld vom Sonnenstein in Richtung der Ruine Wildungen ziehend die frischen Wiesen atmeten.
Diese Erinnerungen kommen ungerufen, aber sie stören mich nicht. Wollen sie Bögen schlagen, Lücken schließen? Warum stellen sie sich gerade jetzt ein? – Ich bin imstande, das Zurückblicken für eine kleine Zeit anzunehmen. Doch sehr gern würde ich durch den Dunst auch einen Blick nach vorn erfahren. Aber dort bildet sich nicht die leiseste Ahnung ab.
Diese Lebenssituation mag nicht in die Schemata passen, mit welchen wir aufgewachsen sind. Mit Sicherheit gibt es unterschiedlichste perspektivische Denkweisen. Jene vergangener Zeiten, die uns einst schützende Leitplanke und hilfreiches Geländer waren, versagen in schwierigeren bis desolaten Situationen ihren konstruktiven Dienst. Nach meiner Beobachtung und Vermutung aber erfasst dieser Umstand nicht nur den einzelnen Menschen, sondern auch ganze Gruppen und Gesellschaften. Hier im „hohen Norden“ lebt man einerseits absolut modern mit einem enorm hohen Grad an funktionierender Digitalisierung und Vernetzung, andererseits völlig verschlafen: es gibt eine sehr schöne Natur, für deren Schutz man meint, (noch) nichts weiter machen zu müssen. In sozialen Bereichen kann man sich noch locker zurückhalten und ausschweigen. Es wird eine Sache der Zeit sein, wann jene Fragen auch diesen Teil der Erde erreichen.
Mir fällt es schwer, dieses distanzierte „Verschlafen-Sein“ oder – etwas seriöser formuliert – dieses Unbekümmert-Sein zu leben. Es sträubt sich innerlich etwas. Welche Gangart kann und soll ich einlegen? – Es bleibt also die beständige Suche nach dem „richtigen“ Ort und dem sinngebenden Tun.


Lofoten, Mai 2026
